Bei einem Vortrag im Espace Innothèque an der Foire du Valais zeichnete Serena Cambria, Direktorin des Personaldienstleisters Flexsis SA, ein ungeschöntes Bild des Arbeitsmarktes. Künstliche Intelligenz, die Alterung der Bevölkerung, der Fachkräftemangel und die wirtschaftliche Unsicherheit stellen Unternehmen vor grosse Herausforderungen. Für Serena Cambria steht dabei eines fest: Technologie spart Zeit, doch den Unterschied machen die Menschen. Um mit dem Wandel der Arbeitswelt Schritt zu halten, müssen Unternehmen ihre Rekrutierungspraktiken überdenken. Sie empfiehlt, bei der Personalauswahl stärker auf die Kompetenzen und die Lernfähigkeit der Kandidatinnen und Kandidaten zu achten als auf deren bisherige Stellenbezeichnungen.
Um das Tempo des Wandels zu veranschaulichen, erinnerte Serena Cambria daran, was weltweit jede Minute geschieht: 231 Millionen E-Mails werden verschickt, 6,3 Millionen Google-Suchen durchgeführt und mehr als 2 Millionen Anfragen an ChatGPT gestellt. Laut dem amerikanischen Architekten Buckminster Fuller verdoppelte sich das menschliche Wissen im Jahr 1900 noch alle hundert Jahre, 1982 hingegen bereits alle zwölf bis dreizehn Monate. Diese Entwicklung stellt laut der Referentin die herkömmlichen Vorstellungen von Lernen und beruflicher Laufbahn grundlegend infrage. «Heute muss jeder seine Kompetenzen laufend weiterentwickeln, um sich an ein immer komplexeres und dynamischeres Umfeld anzupassen. Mit diesem Tempo Schritt zu halten, ist alles andere als einfach», betonte sie und unterstrich damit die Bedeutung von Anpassungsfähigkeit.
Ihr zufolge verändern derzeit vier Faktoren den Arbeitsmarkt grundlegend: die künstliche Intelligenz, die neuen Erwartungen von Mitarbeitenden und Unternehmen, der demografisch bedingte Fachkräftemangel sowie die zunehmende Komplexität der Märkte.
KI verändert den Stellenwert menschlicher Arbeit
Ein Datum bildete den Ausgangspunkt ihrer Ausführungen: der 30. November 2022, an dem ChatGPT öffentlich zugänglich gemacht wurde. Seither entwickeln sich der Aktienindex S&P 500 und die Zahl der Stellenausschreibungen in den USA deutlich auseinander. Während der Aktienindex steigt, geht die Zahl der offenen Stellen zurück. Für die Direktorin von Flexsis ist die Botschaft klar: Wachstum entsteht heute zunehmend durch Produktivitätssteigerungen und nicht mehr durch zusätzliche Einstellungen.
Auch die Schweiz bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont. Daten der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich zeigen, dass die Arbeitslosigkeit unter Softwareentwicklern sowie Fachkräften aus Marketing und Werbung seit 2023 deutlich zugenommen hat. Gerade wissensintensive Berufe und insbesondere Berufseinsteiger spüren den Druck der KI als Erste.
Veränderte Erwartungen
Bis 2030 werden die Generation Z und die Millennials 58 % der weltweiten Erwerbsbevölkerung ausmachen. Ihre Erwartungen zu verstehen, wird deshalb immer wichtiger. Zu ihren Prioritäten gehören das Arbeitsklima, die Entlöhnung sowie Stabilität und Arbeitsplatzsicherheit. Ebenso wichtig ist ihnen Flexibilität bei der Arbeitszeit und beim Arbeitsort. Jüngere Mitarbeitende stehen hingegen einer grösseren Eigenverantwortung eher zurückhaltend gegenüber und streben nicht unbedingt eine Führungsposition an.
Auf Unternehmensseite bremsen politische und wirtschaftliche Unsicherheiten sowie die ungewissen Aussichten im Exportgeschäft die Investitionen und damit auch die Rekrutierung. Festanstellungen gehen zurück, während sich Phasen hoher und niedriger Auslastung immer schneller und häufiger abwechseln. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen äusserst flexibel reagieren können und vermehrt auf temporäre Arbeitskräfte setzen.
Mehr Menschen erreichen das Rentenalter, als junge nachrücken
Zu diesen Entwicklungen kommt eine demografische Herausforderung hinzu. Gemäss den Szenarien des Bundesamtes für Statistik erreichen in der Schweiz seit 2020 jährlich mehr Menschen das Alter von 65 Jahren als junge Menschen das Alter von 20 Jahren. Um das Jahr 2030 dürfte die Differenz ihren Höhepunkt erreichen: Rund 124’000 Menschen werden dann jährlich das Rentenalter erreichen, während nur etwa 97’000 junge Menschen 20 Jahre alt werden.
Die Herausforderung ist beträchtlich: Gemäss dem Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich könnte sich der kumulierte Wohlstandsverlust bis 2050 auf 600 Milliarden Franken belaufen, wenn keine Gegenmassnahmen ergriffen werden. Drei Ansätze bieten sich an, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken: mehr oder länger arbeiten, die Produktivität steigern und der demografischen Alterung entgegenwirken.
Beim ersten Ansatz verwies Serena Cambria auf Japan, das vor derselben Herausforderung steht, jedoch einen anderen Weg eingeschlagen hat. Dort sind 52 % der 65- bis 69-Jährigen und 34 % der 70- bis 74-Jährigen weiterhin erwerbstätig. In der Schweiz liegt die Erwerbsquote der 65- bis 69-Jährigen hingegen bei rund 23 % und stagniert seit 2016.
Kompetenzen statt Stellenbezeichnungen in den Mittelpunkt stellen
Länger zu arbeiten allein wird nicht ausreichen, warnte die Referentin. Auch die Rekrutierung muss neu gedacht werden. Sie wies auf ein Paradox hin: Die Schweizer Arbeitslosenquote ist seit 2023 gestiegen und liegt bei 3,2 %, gleichzeitig waren im dritten Quartal 2025 landesweit 220’000 Stellen unbesetzt. Angebot und Nachfrage sind vorhanden, finden aber nicht zueinander.
Ein Grund dafür ist laut Serena Cambria der sogenannte «Zero-Gap»-Ansatz bei der Rekrutierung. Dabei werden nur Kandidatinnen und Kandidaten berücksichtigt, die bereits dieselbe Funktion ausgeübt haben oder eine identische Stellenbezeichnung vorweisen können. Dieser Ansatz schränkt den Talentpool künstlich ein, obwohl dieser ohnehin immer kleiner wird. Ein «Skills-First»-Ansatz hingegen, der die Kompetenzen, das Potenzial und die Lernfähigkeit in den Mittelpunkt stellt, könnte den Talentpool um das Zwanzigfache vergrössern. Angesichts immer komplexerer Märkte sind es die Kompetenzen, die den Unterschied machen.
Digitalisierung und Menschlichkeit im Zusammenspiel
Für Serena Cambria besteht die richtige Strategie nicht darin, möglichst alles zu digitalisieren, sondern das optimale Gleichgewicht zwischen technologischer Effizienz und menschlichen Stärken zu finden. «Digitale Effizienz schafft Freiraum, um im persönlichen Kontakt hervorragende Arbeit zu leisten», fasste sie zum Schluss zusammen. Entscheidend ist es also, dort zu investieren, wo Menschen den Unterschied machen: beim Aufbau von Vertrauen sowie bei der Beurteilung und Überprüfung von Kompetenzen. Personalvermittler schaffen Vertrauen, verstehen die Menschen hinter den Bewerbungen, nehmen ihnen Unsicherheiten und stehen für die Eignung der Kandidatinnen und Kandidaten ein.
Personaldienstleister als «Architekten menschlicher Wertschöpfung»
In diesem Umfeld verändert sich auch die Rolle der Personaldienstleister. Früher ging es in erster Linie darum, möglichst schnell geeignete Personen zu vermitteln. Heute gilt es, ein tragfähiges Netzwerk an Kompetenzen aufzubauen und diese bei Bedarf gezielt einzusetzen.
Um Unternehmen dabei zu unterstützen, bietet Flexsis, das unter anderem Niederlassungen in Sitten, Martigny und Monthey betreibt, eine risikofreie Rekrutierung an. Dabei geht einer Festanstellung zunächst ein temporärer Einsatz voraus. Zum Leistungsangebot gehören zudem die Überprüfung der Kompetenzen durch Fachleute sowie flexible Lösungen für Unternehmen und Kandidatinnen und Kandidaten.
Aussagen aus dem Vortrag vom 6. Oktober an der Foire du Valais in Martigny.
