Die Uhrenindustrie fasste nach dem Zweiten Weltkrieg im Wallis Fuss, als Schweizer Uhrenhersteller auf der Suche nach zusätzlichen Arbeitskräften waren. Seither hat sich die Branche von der kostengünstigen Zulieferproduktion hin zu kreativen Projekten mit hoher Wertschöpfung entwickelt. Allerdings ist sie nach wie vor von externem Know-how und Absatzmärkten ausserhalb des Kantons abhängig und bleibt damit anfällig. Diesen Überblick zeichnete der Historiker Pierre-Yves Donzé, Professor an der Universität Osaka und Gastprofessor an der Universität Freiburg, anlässlich eines Vortrags über die Geschichte der Uhrenindustrie im Wallis.
Gemäss den offiziellen Zahlen des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie FH beschäftigt die Walliser Uhrenindustrie heute 524 Personen. Auf das Wallis entfallen 2 % der Schweizer Uhrenunternehmen, aber nur 1 % der Beschäftigten der Branche. Eine Frage steht dabei im Mittelpunkt: Wie kam es dazu, dass sich diese Unternehmen in einem Alpenkanton ansiedelten, der nicht unbedingt als typischer Standort für die Uhrenindustrie gilt?
Die Anfänge: Auf der Suche nach Arbeitskräften
Alles beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich kleine Uhrenateliers im Wallis niederlassen. 1948 eröffnet die Ebauches SA (ETA) in Vollèges das erste Atelier. 1957 folgt ein weiteres in Isérables. Der Grund ist einfach: Die Branche benötigt immer mehr Arbeitskräfte.
Damals verbieten die Swiss-made-Vorschriften eine Verlagerung der Produktion ins Ausland. Auch der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte ist nicht möglich, da die Fabrikationsgeheimnisse geschützt werden sollen. «Wer Schweizer Arbeitskräfte rekrutieren wollte, musste dorthin gehen, wo sie zu finden waren – und das war das Wallis», fasst Pierre-Yves Donzé zusammen.
1963 eröffnet Michel Carron mit Norrac in Fully die erste eigentliche Uhrenfabrik des Kantons. Der Kanton Wallis spielt dabei eine wichtige Rolle: Die lokalen Arbeitskräfte müssen ausgebildet werden, weshalb am Berufsbildungszentrum Uhrmacherkurse angeboten werden. «So konnten innerhalb kürzester Zeit Uhrmacher ausgebildet werden», erklärt der Historiker.
Günstige Arbeitskräfte und später die Montage
Zwischen 1955 und 1975 steigt die Zahl der Beschäftigten in der Branche auf 800. Es handelt sich um günstige, jedoch wenig qualifizierte Arbeitskräfte, die hauptsächlich Komponenten und Roskopf-Uhrwerke herstellen. Ab 1970 gewinnt die Montage von Uhrwerken an Bedeutung, unter anderem mit Monnat & Charmillot ab 1970, Rhodanus ab 1973 und der Société des fabricants suisses d’horlogerie ab 1974.
Bis 1985 sinkt die Beschäftigtenzahl wieder auf 600. Norrac geht 1980 in Konkurs und der Standort in Isérables wird 1983 umgenutzt. Gründe dafür sind die Quarzkrise und die Stärke der japanischen Industrie, die Uhren in grossen Stückzahlen produziert.
Der Aufschwung ab den 1990er-Jahren
Dank der Zulieferproduktion im Hochpreissegment erlebt die Branche einen neuen Aufschwung. Hubert Lorenz gründet Mimotec, ein Start-up, das hochwertige mikrotechnische Komponenten herstellt und seit 2019 auch Teile aus 24-karätigem Gold fertigt. Sigatec steigt 2006 in die Siliziumtechnologie ein und 2011 wird Swiss Polissage gegründet. Die Walliser Uhrenindustrie erneuert sich.
Einige Unternehmen gehen noch einen Schritt weiter: Sie modifizieren Uhrwerke und bieten Private-Label-Dienstleistungen an. Dazu gehören Monnat.ch ab 2007, unter anderem mit der Übernahme von West End Watches, Rhodanus Watch, das 1990 im Oberwallis entsteht, sowie YZ Production Horlogère ab 2011 in Siders. «Das Know-how aus der Zulieferindustrie kommt heute bei umfassenderen und anspruchsvolleren Uhrenprojekten zum Einsatz», erklärt Pierre-Yves Donzé.
Neue Geschäftsmodelle
Ab den 2010er-Jahren entwickelt sich im Wallis eine kreative Uhrmacherszene:
Ange Barde Watch bietet seit 2010 Sportuhren in limitierten Serien an, die in Neuenburg hergestellt werden.
Hora Horlogerie stützt sich seit 2023 auf Erfahrungen aus der Genfer Uhrenindustrie und fertigt Einzelstücke auf Bestellung.
Norton Peak setzt seit 2025 auf ein Walliser Konzept und Design, kombiniert mit einem Uhrwerk von La Joux-Perret.
Für den Historiker stechen zwei Aspekte hervor. Einerseits die Bedeutung des Know-hows, das von ausserhalb des Kantons, insbesondere aus dem Jurabogen und aus Genf, stammt. Andererseits ein ausgeprägter Walliser Unternehmergeist. «Auch wenn das technische Know-how von ausserhalb stammt, hat dieser Unternehmergeist den Wandel von finanzieller und technologischer Abhängigkeit hin zu lokaler Wertschöpfung ermöglicht.» Seiner Ansicht nach ist die Walliser Uhrenindustrie heute «exotisch, aber keineswegs unbedeutend».
Kreativität ist vorhanden, bleibt aber fragil
Aus Walliser Sicht ist die Kreativität durchaus vorhanden. Aufgrund der Abhängigkeit von externen Akteuren bleibt die Branche jedoch anfällig. Auch die rückläufigen Produktionsmengen bei Uhren könnten langfristig zum Problem werden. Der Wandel in der Schweizer Uhrenindustrie kommt im erschwinglichen Preissegment japanischen Marken zugute, aber auch Swatch profitiert mit bestimmten Produkten davon. «Die Schweizer Uhrenhersteller werden zunehmend ins Hochpreissegment gedrängt», beobachtet Pierre-Yves Donzé. Der starke Franken verschärft die Situation zusätzlich, zumal der Yen stark an Wert verloren hat.
Aufgezeichnet am 9. Oktober 2026 anlässlich des Rendez-vous de l’Horlogerie an der Foire du Valais.
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